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Eines der schönsten Bücher, die ich in diesem Jahr zu Gesicht bekam, ist der „Atlas der Sternenhimmel“ von Raoul Schrott. Astronomischer Preis, aber erhaben schön wie das Marineblau am Ozeanstrand. Eine Rezension lautet: „Viel zu dick, zu schwer und zu kleine Schrift – ein Staubfänger.“ Es fehlte eigentlich nur noch: „Was für ein Schrott!“

Auffällig oft wird im unmittelbar sozialen Umfeld gejammert – in der eigenen Familie, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis. Und natürlich, siehe oben, die Schimpftriaden auf den digitalen Plattformen. Ab wann wird das ständige Klagen zur Belastung?

Viele Menschen stehen in ihrem Alltag unter massivem Druck: berufliche Sorgen, gesundheitliche Probleme oder Ärger im Freundeskreis. Zu Hause fällt die Anspannung ab, und die Familie wird zum Ventil. Eltern, Kinder und Geschwister können nicht einfach verschwinden – sie sind Teil des Alltags und oft ungewollt auch Teil der emotionalen Entladung.

Psychologisch betrachtet gibt es unterschiedliche Formen des Beschwerens. Die Spießer leiden an der Diskrepanz zwischen ihrem Idealbild und der Realität. Frustriert über fehlende „Kopien ihrer selbst“, äußern sie ihr Unbehagen lautstark. Der Gesellige dagegen nutzt das Jammern als soziales Werkzeug: Wer Aufmerksamkeit sucht, erzeugt sie oft über Klagen – ähnlich wie Kinder, die durch Weinen Bindung einfordern. Eine weitere Gruppe leidet unter genereller Überforderung. Sie zeigen häufig das sogenannte Klassensprechersyndrom: Sie fühlen sich verantwortlich für die Stimmung und kommentieren ununterbrochen Probleme, um die Kontrolle zu behalten, meist zum Schaden aller. Und schließlich gibt es die Still-Leidenden: Menschen mit melancholischen Zügen, die ihre Belastung nicht verbal äußern, aber innerlich schwer damit ringen: ein seelisches Jammertal.

Dauerhaftes Wehklagen kann zur ernsthaften Belastung für das Miteinander werden. Die Freude an Gemeinsamkeiten schwindet, die Atmosphäre kippt. Verfestigt sich das Muster, droht ein toxischer Kreislauf. Die Betroffenen selbst erleben kaum Erleichterung, die Zuhörenden fühlen sich zunehmend ausgelaugt – und die Harmonie erodiert.

Konstruktives Beschweren gibt es durchaus: Wer Probleme benennt und gleichzeitig Ideen zur Lösung mitbringt, sucht echten Austausch. Viel häufiger und schwieriger wird es, wenn das Wehklagen, das Jammern, das Meckern, das Motzen zur sozialen Funktion verkommt – einer Art emotionaler Körperpflege vor Publikum. Sich auch vor einer Herausforderung zu drücken und sei es schlicht das Leben als solches… da wird ruckzuck der innere schimpfende Rohrspatz bemüht. Man will dem entgegnen: „Sei kein Frosch, du Spatz!“ Dabei liegen die Ursachen wie so oft in gesellschaftlichen Entwicklungen: fehlende psychotherapeutische Versorgung, Abbau sozialer Dienste und eine wachsende Vereinsamung. Da wird die Familie schnell zum einzigen sozialen Ort – und wird diese entsprechend stark belastet.

Wer merkt, dass eine Person im Umfeld die Stimmung stark beeinflusst, sollte zunächst das Gespräch suchen – auf Augenhöhe und mit Geduld. Erst zuhören, dann behutsam schildern, wie man selbst die Situation erlebt. Reicht das nicht, können psychotherapeutische Angebote helfen. Zugleich sollten Angehörige ihr eigenes Verhalten reflektieren: Schnell ist man selbst in einer Rolle, die Intoleranz oder Abwertung fördert.

In Beziehungen führt eine mahnende oder korrigierende Reaktion oft direkt in die Eskalation. Besser ist ein behutsamer Ansatz: „Wie geht es dir eigentlich? Ich habe den Eindruck, da ist gerade viel Stress.“ Solche Fragen öffnen Türen, statt Mauern zu errichten.

Oft erkennt man das erst, wenn jemand darauf hinweist. Jammern gehört zum Menschsein – doch permanentes Klagen kann unwürdig wirken, für einen selbst wie für andere. Hilfreich ist die Frage: „Muss ich das wirklich hier abladen, oder brauche ich professionelle Hilfe?“ Selbstfürsorge statt nervtötender Selbstgefälligkeit lautet der Schlüssel. Eine echte Auszeit kann helfen, den Selbstwert neu zu stabilisieren.

Resignation ein letztes Mittel? Vielmehr sollte vor so einem Zustand, versucht werden, die Dynamiken zu verstehen und die eigene Rolle in der Familie zu reflektieren. Denn je technischer und kommerzieller die Welt draußen wird, desto stärker wächst das Bedürfnis nach Menschlichkeit im Inneren des Familienkerns. Und dieser Kern, so lautet eine zentrale Erkenntnis der Familienpsychologie, ist die Zuwendung, die wir einander schenken.

Ein berühmtes Zitat von Immanuel Kant lautet: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Dieses Zitat stammt aus der Kritik der praktischen Vernunft und verbindet das unermessliche Universum mit der inneren, moralischen Bestimmung des Menschen.  Zur inneren, moralischen Bestimmung des Menschen gehört bestimmt, nicht: die zur Schau gestellte emotionale Körperpflege – das Hardcore gleiche Jammern!